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Der herzensgute Mittvierziger Fúsi ist zwar längst kein Kind mehr, aber deswegen trotzdem noch lange nicht wirklich erwachsen. Er lebt nach wie vor bei seiner Mutter, hatte noch nie eine Freundin und in seiner Freizeit widmet er sich am liebsten Spielzeugsoldaten und ferngesteuerten Autos. Doch sein von ewiger Routine und hämischen Kommentaren seiner Arbeitskollegen geprägtes Einzelgängerleben wird bald schon auf den Kopf gestellt. Erst freundet er sich mit dem neuen Nachbarsmädchen an, dann bringt ein nicht ganz freiwillig besuchter Tanzkurs noch viel größere Veränderungen mit sich. Dort lernt er die ebenso attraktive wie liebenswürdige Sjöfn kennen, die in ihm vollkommen neue Gefühle auslöst. Doch die zarte Liebe, die sich zwischen den beiden anzubahnen scheint, hält ungeahnte Überraschungen und Komplikationen bereit. Jetzt ist es an Fúsi, aus seinem Trott auszubrechen und endlich der Welt zu zeigen, was in ihm steckt.

Der isländische Regisseur Dagur Kári (EIN GUTES HERZ, NOI ALBINOI) erzählt mit lakonisch-trockenem Humor so sensibel und berührend, dass man seinen scheuen Riesen ins Herz schließen muss.

Interviews

INTERVIEW MIT REGISSEUR DAGUR KARI
(Von Variety-Korrespondentin Elsa Keslassy, Januar 2015)

VIRGIN MOUNTAIN handelt vom Erwachsenwerden eines eigentlich längst erwachsenen Mannes, der aufgrund seiner körperlichen Verfassung ein Außenseiter ist. Das Thema erinnert durchaus an Ihr Spielfilmdebüt NOÍ ALBÍNÓI und bis zu einem gewissen Grad auch an DARK HORSE. Was interessiert Sie so sehr an solchen Außenseiter-Figuren?

Es ist eigentlich keine bewusste Entscheidung von mir, immer wieder Außenseiter zu zeigen. Mir geht es einfach darum Figuren zu erschaffen, die so interessant wie möglich sind. Und Menschen, die ein bisschen neben der Spur oder fehl am Platz sind, ziehen einfach spannendere Situationen nach sich als solche, die sich überall anpassen können. Darauf liegt mein Fokus: auf der Figur und der Situation. Aber der Begriff Außenseiter schwirrte mir eigentlich nie durch den Kopf bevor die Journalisten anfingen, mich darauf hinzuweisen.

Genau wie NOÍ ALBÍNÓI und DARK HORSE erzählt auch VIRGIN MOUNTAIN davon, wie jemand zu sich selbst findet, in dem er das Leben außerhalb Islands sucht und kennenlernt. Liegt Ihnen als in Frankreich geborenem isländischen Regisseur, der in Dänemark studiert hat, dieses Thema besonders am Herzen?

Nun, ich versuche immer, mir meine Sommerurlaube ins Drehbuch zu schreiben, denn sonst kann ich mir die gar nicht leisten. Deswegen sind wir für die Schlussszene von NOÍ ALBÍNÓI nach Kuba gereist und haben für DARK HORSE eine Szene in Spanien gedreht. Das Ende von EIN GUTES HERZ habe ich in der Dominikanischen Republik gedreht. Ich habe einen Fetisch für weiße Sandstrände mit Palmen. Wahrscheinlich war ich in einem früheren Leben ein hawaiianischer Surfer. Wirklich, ich liebe es Palmenstrände zu filmen, deswegen wurde das zu einem wiederkehrenden Element in meinen Filmen. Für VIRGIN MOUNTAIN gab es ursprünglich den Plan, Fúsi zu einem tropischen Ziel zu folgen. Doch letztlich stellte sich heraus, dass das für den Film gar nicht nötig war. Deswegen gab’s für mich dieses Mal keinen Sommerurlaub!

VIRGIN MOUNTAIN ist eher eine intensive und radikale Charakterstudie als eine romantische Komödie, auch wenn man nicht ganz falsch läge, den Film als Islands Antwort auf 40 (MÄNNLICH), JUNGFRAU, SUCHT... zu beschreiben. Auf jeden Fall haben Sie sich entschieden, sich nicht auf die Klischees von Beziehungskomödien einzulassen und so nah wie möglich an der Realität zu bleiben. Warum?

Sobald man so ein „Junge trifft Mädchen“-Element in seinen Film einbaut, schaltet die Geschichte eines Films leider ein bisschen auf Autopilot. Alles wird sehr vorhersehbar, deswegen wollte ich diesem Klischee ganz bewusst einen Twist verpassen. Ich fand außerdem, dass unser Protagonist Fúsi einen anderen Schluss brauchte. Das Ende sollte gleichzeitig ganz klein, aber eben doch auch ganz groß sein. Denn was für uns etwas vollkommen Normales ist, ist für Fúsi ein bahnbrechender Schritt.

Was macht VIRGIN MOUNTAIN zu einem universellen Film, der Menschen auf der ganzen Welt anspricht?

Es ist die inspirierende Geschichte eines Mannes, der den entscheidenden Schritt in sein weiteres Lebens macht. Damit können die meisten Menschen etwas anfangen, hoffe ich. Außerdem kennen wir alle dieses Schuldgefühl, einen anderen Menschen falsch beurteilt zu haben. Das schlechte Gewissen, das die westliche Welt tief in ihrem Inneren mit sich herumträgt, hat seine Wurzeln in dieser Schuld. Während der Arbeit im Schneideraum spielte ich den Film einmal rückwärts ab und machte eine dazu passende Entdeckung: der Name unseres Protagonisten Fúsi klingt rückwärts gesprochen wie Jesus. Nicht in der Schreibweise natürlich, aber eben in der Aussprache. Ein sehr netter Zufall.

Wie sind Sie auf Gunnar Jónsson gestoßen? Haben Sie das Drehbuch für ihn geschrieben?

Gunnar war vor etwa 15 Jahren der Sidekick in einer Satire-Sendung im isländischen Fernsehen. Das war das erste Mal, dass ich ihn wahrnahm, und in gewisser Weise war es Liebe auf den ersten Blick. Ich merkte sofort, dass er ein Naturtalent ist und hatte den großen Wunsch, ihn mal in einer dramatischen Hauptrolle zu sehen. Deswegen habe ich das Drehbuch explizit für ihn geschrieben. Er ist der Film – und ohne ihn hätte ich ihn nicht gedreht. Sein Talent ist enorm und seine Präsenz auf der Leinwand meiner Meinung nach einzigartig. Obwohl er kein klassisch ausgebildeter Schauspieler ist, ist er unglaublich professionell und präzise. Ich will ihn von nun an am liebsten in jedem meiner Filme besetzen.

Wie sah die Zusammenarbeit mit Baltasar Kormákur aus? Was war sein kreativer Input?

Baltasar ist ein sehr talentierter und kenntnisreicher Regisseur und obendrein auch ein erfahrener Produzent. Er war die ganze Zeit über ein sehr hilfreicher Partner und überließ mir die komplette künstlerische Freiheit. Er und die Produzentin Agnes Johansen waren nicht nur eine riesige Unterstützung, sondern auch enorm verständnisvoll.

Wie war es, nach Ihrem englischsprachigen Debüt EIN GUTES HERZ nun wieder nach Island zurückzukehren?

Das war eine gute Erfahrung. Ich habe mich gefreut, wieder einen Film mit einer ganz kleinen Crew zu drehen, in der jeder im Team ein Freund von mir ist. In den USA mit einer großen Crew zu arbeiten, das fühlte sich mitunter an wie ein Militäreinsatz. Das kann einen zwar manchmal in einen netten Adrenalinrausch versetzen, aber insgesamt arbeite ich doch lieber in einem kleineren Rahmen, in dem jeder das Gefühl hat, wirklich am kreativen Prozess teilzuhaben.

Hat es Ihnen trotzdem gefallen, einen Film mal nicht in Ihrer Muttersprache und mit Schauspielern wie Paul Dano und Brian Cox zu drehen? Was haben Sie dabei gelernt? Und würden Sie es noch einmal tun?

Es macht mir viel Spaß, in anderen Sprachen zu drehen und deren Nuancen kennenzulernen. Fast fühle ich mich freier, wenn ich Dialoge nicht auf Isländisch schreibe, denn da fällt diese gewisse Ehrfurcht weg, die für mich mit meiner Muttersprache einhergeht. Auf Englisch zu schreiben ist für mich wie ein Instrument zu spielen. Aber ganz gleich wo ich drehe, es ist bei jedem einzelnen Film ein Lernprozess. Fast als würde man jedes Mal einen neuen Kurs belegen. Und natürlich habe ich große Lust darauf, auch in Zukunft an den unterschiedlichsten Orten der Welt zu arbeiten.

Woher nehmen Sie als Regisseur und Autor Ihre Inspiration?

Inspiration kommt von überall und nirgends - und ohne Frage immer in Wellen. Es gibt Phasen, in denen ich mich vollkommen leer fühle. Aber ich habe gelernt, dass diese Phasen wirklich wichtig sind, denn in denen arbeitet dein Unterbewusstsein auf Hochtouren und in der Regel folgt danach immer eine höchst produktive Phase.

Sehen Sie sich einer neuen Generation skandinavischer Filmemacher zugehörig?

Ich bin ein Einzelgänger, deswegen sehe ich mich eigentlich nie als Teil einer Gruppe oder Bewegung. Island ist in seinem Lebensstil und in der Kultur in vieler Hinsicht sehr amerikanisiert, aber gleichzeitig natürlich sehr nordisch. Skandinavien erscheint mir dagegen ganz anders.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Ich habe eine Stelle an der nationalen Filmhochschule in Dänemark, dort leite ich die Regie-Abteilung. Das ist eine Vollzeitstelle, deswegen habe ich kaum Zeit um eigene Dinge zu schreiben. Seltsamerweise hatte ich gleichzeitig noch nie in meinem Leben so viele Ideen für neue Projekte, sowohl für Filme als auch Fernsehserien. Ich weiß noch nicht genau, auf welches dieser Projekte ich mich als erstes konzentrieren werde. Aber ich kann es jedenfalls kaum erwarten.

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Was reizte Sie an der Rolle des Fúsi in VIRGIN MOUNTAIN?

Ich fand es spannend, dass dies eine Geschichte über das Erwachsenwerden ist, obwohl die Figur ja eigentlich längst ein erwachsener Mann ist. Je öfter ich das Drehbuch las, desto klarer wurde mir, wie wundervoll diese Geschichte ist. Sie steckt voller kleiner einzigartiger Momente und Details, die aus dem Film ein wirkliches Kleinod machen.

War der Film für Sie, der vor allem für Comedy bekannt ist, eine besondere Herausforderung?

Dass der Film in erster Linie ein Drama ist, fiel mir nicht schwer. Auch bei meinen komödiantischen Arbeiten ist es mir immer wichtig, so nah wie möglich an der Realität zu bleiben. Da ist der Sprung zum Drama dann gar nicht so weit. Abgesehen davon, ist VIRGIN MOUNTAIN aller Tragik zum Trotz auch unglaublich komisch. Für mich gibt es nichts besseres, als diese beiden Elemente zu kombinieren.

Sehen Sie Fúsi als tragische Figur?

Nein, wenn wir ihm zum ersten Mal begegnen, ist er nicht traurig. Er lebt nur einfach vor sich hin, so wie sich sein Leben eben entwickelt hat. Doch dann passieren einfach ein paar Dinge, die ihm klarmachen, dass er sich vielleicht nicht auf dem besten Weg befindet. Irgendwann wird es Zeit für ihn, Initiative zu ergreifen.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich hatte ein Jahr lang Zeit, bevor wir mit den Dreharbeiten begonnen haben. Ich habe immer und immer wieder das Drehbuch durchgearbeitet und mir ganz viele Notizen gemacht, wie Fúsi in welchen Situationen reagiert. Mir gefiel, wie stoisch und gelassen er selbst dann bleibt, wenn ihm Schlimmes passiert. Als es dann um den Dreh ging, waren die Locations für mich sehr wichtig. Wirklich zu sehen und zu spüren, wie und wo Fúsi lebt, war für mich der letzte Schlüssel zu der Figur.

Gab es viele Diskussionen mit Dagur Kári?

Nein, gar nicht. Nachdem ich zugesagt hatte, haben wir uns einmal zusammengesetzt und über die Rolle und die Geschichte gesprochen. Aber mehr war nicht nötig. Das Drehbuch erklärt sich von selbst, ich habe darin alles gefunden, was ich für meine Arbeit brauchte. Sein Drehbuch ist einfach verdammt gut gewesen!

Cast und Crew

CAST
FúsiGunnar Jónsson
SjöfnIlmur Kristjánsdóttir
MordurSigurjón Kjartansson
HeraFranziska Una Dagsdóttir
FjolaMargrét Helga Jóhannsdóttir
RolfArnar Jónsson
ElvarThórir Saemundsson
BodvarAri Matthíasson
FridrikFridrik Fridriksson
SvanaIngunn Jensdóttir
  
CREW
Regie & DrehbuchDagur Kári Pétursson
ProduzentenBaltasar Kormákur,
Agnes Johansen
Ko-ProduzentenBo Ehrhardt,
Mikkel Jersin
ProduktionBlue Eyes Productions (Is),
Nimbus Film Productions (Dk)
KameraRasmus Videbæk
SzenenbildHálfdán Pedersen
KostümHelga Rós V Hannam
Haar und Make-UpÁslaug Dröfn Sigurðardóttir
SchnittAndri Steinn Guðjónsson,
Oliver Bugge Coutté,
Dagur Kári Pétursson
TonIngvar Lundberg,
Kjartan Kjartansson
Musikslowblow